Die „Waldbrüder“ – Untergrundbewegungen in den baltischen Staaten nach dem 2. Weltkrieg

Die Geschichte der „Waldbrüder“ ist eines der identitätsbildenden Geschichtsbilder der drei baltischen Nationen. Oft haben solche Geschichtsbetrachtungen weder mit den Rückschauen Außenstehender noch mit den emotionslosen wissenschaftlichen Einordnungen von Historikern viel gemein. Einordnungen von seriösen Historikern sind meist sehr stabil, während nationale Geschichtsbilder dem Wandel in Gesellschaft, Politik und Kultur unterliegen.

Die Waldbrüder - Geschichtsbild im Wandel

Die Waldbrüder - Untergrundbewegungen in den baltischen  Staaten nach dem 2. Weltkrieg

Die Geschichte der in allen drei baltischen Ländern operierenden „Waldbrüder“ und ihre Einordnung ist ein Paradebeispiel sich wandelnder Zeitdeutung. Den einen waren sie im Untergrund operierende heroische Freiheitskämpfer gegen die Sowjetunion, den anderen am Holocaust beteiligte Nazi-Kollaborateure, den dritten waren sie Banditen.  Letztere Bezeichnung stammte aus der Sowjetunion, aus der Zeit nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Damals wurde der Kampf der Waldbrüder gegen die als Besatzungsmacht empfundene Sowjetunion immer aussichtsloser und zeigte Ende der 1940er Jahre die ganze hoffnungslose Lage der antikommunistischen Untergrundkämpfer, die nur noch durch die Fortsetzung des Kampfes vor Verfolgung, GULAG oder gar Hinrichtung bewahrt wurden – Weiterkämpfen als Überlebenschance oder Untergang wurde zur Wahl zwischen Pest und Cholera. Der Kampf löste sich immer mehr von allen ideologischen Prägungen und Ursprungsidealen. Anders als beim Freiheitskampf von 1919 gab es bis auf einige Hilfsmaßnahmen der amerikanischen und britischen Geheimdienste nun auch keine Unterstützung durch die Siegermächte des 2. Weltkriegs. Die Konstellation war ganz anders, denn das Schicksal der drei baltischen Länder war zwischen den Alliierten schon längst bei der Konferenz von Jalta im Januar 1945 festgeklopft. Dort wurde das, was sich mit der Konferenz von Teheran 1943 abzeichnete beendet: die Neuordnung Europas. Von einem Wiedererstehen der drei baltischen Länder war keine Rede mehr, sie wurden zu Sowjetrepubliken.

Die Waldbrüder – Beginn einer Widerstandsbewegung

Die Waldbrüder - Beginn einer Widerstandsbewegung

Zum von den Außenministern Molotow und Ribbentrop in Moskau ausgehandelten Nichtangriffsvertrag „Hitler-Stalin Pakt“ vom August 1939 gehörte ein geheimer Zusatz, in dem die Grenzen der Interessenssphären festgelegt wurden, womit schon das Ende der staatlichen Souveränität der drei baltischen Staaten besiegelt war.

Sofort setzte der Druck der Sowjetunion gegen die baltischen Länder ein. So forderten die Sowjets bereit im September 1939 von Estland ultimativ die Unterzeichnung eines Vertrags, in dem die UdSSR das Recht erhalten sollte, in Estland Militärbasen zu errichten. Bei einer Weigerung wurde die sofortige Besetzung Estlands angedroht.

Die Sowjetunion besetzte die drei baltischen Staaten im Juni 1940.  Eine Welle von Repressionen, Zwangsrekrutierungen in die Rote Armee und Verfolgungen setzte sofort ein und trieb Zehntausende Bürger aller drei Länder in Verstecke in den Wäldern. Massenhaft wurden Esten, Letten und Litauer nach Sibirien deportiert, besonders die Eliten der drei Länder traf es hart. Nach den für die Sowjetunion wie zu erwarten positiven Ergebnissen der manipulierten Volksabstimmungen wurden Estland, Lettland und Litauen als Sowjetrepubliken in Stalins Imperium integriert. Am Ende hatten die Esten nachgegeben und unterzeichneten den Vertrag am 28. September 1939. Lettland und Litauen wurden ähnliche Verträge aufgezwungen. Im Windschatten des deutschen Westfeldzugs machte sich die UdSSR daran, im Baltikum Fakten zu schaffen. Am 9. Juni 1940 wurde Estland besetzt, am 14. Juni 1940 Litauen und zwei Tage später Lettland. Militärischer Widerstand war ob der gewaltigen Überlegenheit der Roten Armee sinnlos. Alle baltischen Länder wurden genötigt prosowjetische Regierungen einzusetzen, die dann allen „Gerüchten“ über eine bevorstehende Annexion als Sowjetrepubliken zu widersprechen hatten. Bei den am 15. Juli 1940 stattfindenden Wahlen zur Staatsversammlung waren oppositionelle Kandidaten nicht zugelassen. Das Ergebnis entsprach dann den sowjetischen Erwartungen. Nach dem gleichen Muster wurde in Lettland und Litauen vorgegangen. Am 6. August wurden die drei Baltenrepubliken der Sowjetunion angegliedert. Nun konnte die sowjetische Verwaltung schalten und walten wie sie wollte, eine Terrorwelle überzog das Baltikum. Noch im Juni 1941 kurz vor dem Angriff der Deutschen fand eine Massendeportation statt, bei der allein in Estland etwa 10.000 Menschen nach Sibirien deportiert wurden.

In dieser Zeit der sowjetischen Besatzung flohen 1940 und 1941 zahlreiche Esten, Letten und Litauer in die dichten Wälder des Baltikums. Es bildeten sich Widerstandsgruppen, die zu Vorläufern der späteren „Waldbrüder" wurden. Unter ihnen gab es von Anfang an auch Bandenbildungen von Gruppen, welche die Bevölkerung terrorisierten. „Waldbrüder“ wurden die Widerstandsgruppen (estnisch metsavennad, lettisch meža brāļi, litauisch miško broliai) nach den ebenfalls im Wald versteckten Widerständlern bei der russischen Revolution von 1905 genannt. Der Name etablierte sich bald in der Bevölkerung. Insgesamt dürften sich zu Zeiten der sowjetischen Besatzung zudem rund 100.000 Menschen in den Wäldern versteckt gehalten haben, um den Deportationen zu entgehen.

Die „Waldbrüder“ im Krieg

Die Waldbrüder im Krieg

Nach dem Beginn des deutschen Feldzugs gegen die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurde das Baltikum noch im gleichen Jahr von der Wehrmacht erobert. Der sowjetische Terror hatte das Seine dazu getan, dass sich viele Balten von den Deutschen eine Wiederherstellung der eigenen Souveränität erhofften. Daher bildeten die „Waldbrüder“ Partisanengruppen, die den Sowjets bewaffneten Widerstand leisteten und Teile der baltischen Länder vor Ausplünderung und Zerstörung durch die Rote Armee bewahrten. In Litauen kam es bei Kriegsbeginn zu nationalen Erhebungen und einer Regierungsbildung. Die Partisanenverbände leisteten einen nicht unerheblichen Beitrag zur Befreiung von der sowjetischen Besatzung.

Schon während der Kriegshandlungen im Sommer und Herbst 1941 agierten etliche Gruppen der „Waldbrüder“ mit ihrer Ortskenntnis bereits gemeinsam mit deutschen Einheiten. Aus etlichen Kampfgruppen der „Waldbrüder“ wurden baltische Einheiten, die innerhalb der Sicherungsdivisionen der Heeresgruppe Nord das rückwärtige Gelände hinter der Front sicherten. Doch schon ab Dezember 1941 wurden diese Einheiten auch zur Frontsicherung eingesetzt, die meisten in vorderster Linie. Ähnlich erging es den „Waldbrüder“-Einheiten, die in die lettische Waffen-SS integriert wurden.

Damit war die Existenz der "Waldbrüder" als Freiheitskämpfer auf Eis gelegt. Als „Waldbrüder“ mit Kämpfen in den Wäldern, also ihrem ureigensten Territorium traten sie erst im Herbst 1944 ins Geschehen ein.

Im zivilen Bereich kam es in den baltischen Ländern zunächst zu einem breiten Einverständnis und zur Kollaboration mit dem deutschen Besatzungsregime. Doch das Reichskommissariat Ostland duldete keinerlei Mitsprache und Nazi-Deutschland dachte gar nicht daran die Souveränität der baltischen Staaten wiederherzustellen. In allen drei Ländern war bald zu spüren, dass auch die Deutschen ähnliche Okkupanten waren wie die Sowjets, man hatte nur eine Besatzungsmacht gegen die andere eingetauscht.

Die Waldbrüder im Kampf gegen die Sowjetunion

Im September 1944 zeichnete sich die Niederlage der Deutschen an allen Fronten ab, die deutschen Truppen begannen, sich aus Estland als erstem baltischen Land zurückzuziehen. Die „Waldbrüder“ wurden zu der das ganze Baltikum umfassenden Widerstandsgruppe.

Tausende von estnischen Soldaten und SS-Angehörige blieben meist mit voller Bewaffnung vor Ort, um ihre Familien zu schützen oder weil ihnen die Rückzugswege abgeschnitten waren. Auch komplette Einheiten wie das zur SS-Division Wiking gehörende SS-Panzergrenadierbataillon Narwa waren darunter. Die Truppenteile lösten sich auf und operierten von nun an in kleinen Gruppen, die oft hauptsächlich aus früheren „Waldbrüder“-Gruppen bestanden und in den alten Verstecken in den Wäldern untertauchten. Ihre Angriffsziele wurden vornehmlich NKWD-Einheiten. Zuweilen wurden bei ihren Aktionen auch deutsche Soldaten aus sowjetischer Hand befreit, die sich dann teilweise den „Waldbrüdern“ anschlossen. In der Zivilbevölkerung Estlands fanden die „Waldbrüder“ durchaus Rückhalt.

Im Herbst 1944 hatte die Rote Armee den größten Teil des Baltikums erobert, auch Lettland. Kurland, das von den Deutschen zur „Festung Kurland“ erklärt worden war, war stark umkämpft. Dort stemmten sich die Reste der deutschen Heeresgruppe Nord zusammen mit lettischen Einheiten im sogenannten „Kurland-Kessel“ bis zum Ende des Krieges im Mai 1945 gegen die Übermacht der Roten Armee.

Die nordöstliche litauische Grenze wurde von der Roten Armee am 4. Juli 1944 überschritten, nun begann auch für Litauen die zweite sowjetische Besatzung. Die neuen und alten Machthaber setzten die alten Institutionen wieder ein und Litauen war nun wieder die Litauische SSR. Bis zum Sommer 1945 äußerte sich die Besatzungspolitik wie in allen drei baltischen Ländern vor allem durch die Rekrutierung litauischer Männer zwischen 18 und 37 Jahren in die Rote Armee, in Litauen waren in diesem Zeitraum etwa 100.000 Männer betroffen.

Die ersten Gruppen der „Waldbrüder" bestanden aus ehemaligen Angehörigen der Litauischen Aktivistenfront , Soldaten der einstigen deutschfreundlichen Plechavičius-Armee und geflohenen Soldaten der Organisation "Kestutis" sowie Angehörigen der zur deutschen Besatzungszeit aktiven Schutzbataillone und der Polizei. Diese sehr unterschiedlichen Kämpfer vereinte das Band ihrer antikommunistischen Haltung und der Wunsch nach einem unabhängigen Litauen.

Das Baltikum nach Kriegsende

Im Mai war der Krieg auch im Baltikum beendet. Historiker geben die Zahl der „Waldbrüder“ zu Kriegszeiten mit mehr als 70.000 Partisanen in Litauen, 40.000 in Lettland und 30.000 in Estland an. In den Jahren 1945 und 1949 kam es wiederum zu Massendeportationen im ganzen Baltikum sowie zur fortschreitenden Russifizierung durch die Ansiedlung Hunderttausender russischer Sowjetbürger, womit Moskau möglichst rasch unumkehrbare Fakten schaffen wollte.

Im Untergrund wurde der Partisanenkrieg mehr oder minder intensiv von den nun von den Sowjets Banditen genannten „Waldbrüdern“ in den schwer zugänglichen Wäldern und Sümpfen der drei baltischen Länder noch fast ein Jahrzehnt lang weitergeführt.

Die erhoffte Unterstützung von Seiten der Siegermächte von 1945 fand bis auf einige Geheimdienstaktionen nicht statt, die Westmächte hatten im beginnenden Kalten Krieg kein Interesse daran, die baltischen Widerstandskämpfer zu unterstützen. Die Geheimdienstaktionen dienten mehr Spionagezielen als der Destabilisierung der Sowjetunion. Die „Waldbrüder“ bestanden auch deshalb weiter, weil der Kampf zur alternativlosen Lebensform geworden war, dem nur im besten Fall die lebenslange Verbannung in ein im fernen Sibirien errichtetes GULAG und im schlimmsten Fall die Hinrichtung gegenüberstanden.

In West- und Mitteleuropa ist der Nachkriegswiderstand gegen die Sowjetunion eher von der Ukraine als vom Baltikum bekannt, denn das Ausmaß der Ukraine erreichte er im Baltikum nicht. In der Ukraine waren 1944-46 geschätzt 25.000 bis 40.000 Partisanen im antisowjetischen Widerstand. Im Baltikum erreichte er seinen Höhepunkt noch 1945. Damals wurden in Estland ca. 5.600 „Waldbrüder“ inhaftiert oder getötet, 1946 nur mehr 487. Der estnische Widerstand war 1946 am Ende, nur einzelne kleine Reste leisteten noch einige Jahre bewaffneten Widerstand. In Litauen hielt der zahlenmäßig stärkere Widerstand der „Waldbrüder“ noch bis in die Jahre 1952/1953 durch. Doch auch in Litauen war der Höhepunkt schon 1945 erreicht.

Insgesamt hat dieser baltische Widerstand etwa 50.000 Menschen das Leben gekostet. Das Ausmaß der Aktionen und die jeweiligen Ziele war über die ganze Zeit im Baltikum sehr unterschiedlich, koordinierte Aktionen gab es kaum. Viele Aktionen galten dem eigenen Schutz. Größere, gut bewaffnete und organisierte Widerstandsgruppen griffen zuweilen sowjetische Garnisonen an. Im Süden Litauens war der Widerstand am effektivsten und war in der Lage bis etwa 1949 größere ländliche Regionen zu kontrollieren, in den Städten waren Erfolge der „Waldbrüder“ nicht zu erzielen, denn anders als auf dem Land hatten sie dort keinerlei Rückhalt. Häufig waren vor allem Attacken gegen sowjetische KGB-Einheiten, Militärstreifen, Einzelpersonen der sowjetischen Kader, Parteikader und deren Angehörige, aber auch gegen Komsomolzen. Da auch Zivilpersonen getötet wurden, die unter dem Verdacht der Kollaboration mit dem Sowjetsystem standen und die Nahrungsversorgung durch Raub erfolgte, hielt sich die Beliebtheit der „Waldbrüder“ in Grenzen. Daher bildeten sich in Litauen die Gegenbewegung der „Stribai“, die sich wiederum an den Angehörigen der „Waldbrüder“ rächten.

Etwa 1952 hatten groß angelegte „Säuberungsaktionen“ fast alle noch übrigen Partisanengruppen ausgeschaltet. Im Jahr 1953 nach Stalins Tod beendeten die meisten Einheiten der „Waldbrüder“ den bewaffneten Widerstand, als ihnen Amnestie gewährt wurde.

Erinnerungskulturen auf dem Prüfstand: Freiheitskämpfer oder Terroristen
Nach der „Singenden Revolution“ und der erneuten Souveränität von Estland, Lettland und Litauen wurde der Widerstand der „Waldbrüder“ als heldenhaft die Nation erhaltend gefeiert. Museen wurden gegründet, die an die Unterdrückung durch die Sowjetunion und den Widerstand erinnerten. Kritische Aufarbeitungen fanden nicht statt.

Wie aus dem Nichts stand das Thema plötzlich ganz oben auf der Tagesordnung, als die NATO in ihrem YouTube-Kanal „NATO TV“ ein achtminütiges Video unter dem Titel „Forest Brothers Fight for the Baltics“ veröffentlichte. Das Video verherrlichte die „Waldbrüder“ als Freiheitskämpfer.

Doch die Zusammenhänge sind viel komplizierter. Sie sind komplexer als die Reaktion Russlands, bei der Putin die „Waldbrüder“ einzig als Nazikollaborateure sahen. Die baltischen Staaten entgegneten Richtung Moskau, die Sowjetunion selbst sei der erste Nazi-Kollaborateur im ostmitteleuropäischen Raum gewesen, siehe Hitler-Stalin-Pakt. Für Russland ist es bis heute eine Zumutung, dass die Sowjetunion 1944 nicht als Befreier des Baltikums empfangen wurde. Viele Balten monieren, dass die Sicht des einstigen Geheimdienstmanns Putin das NKWD betreffend skandalös sei. Die Krux ist: Die Balten hatten keine Wahl, sie haben sich weder die deutsche noch die sowjetische Besatzung ausgesucht.

Was unbestreitbar ist: Die „Waldbrüder“ hatten Nazi-Kollaborateure sowie ehemalige SS-Angehörige in ihren Reihen, zum Beispiel Angehörige der Lettischen Legion der Waffen-SS, in der 160.000 Letten gedient hatten. Ebenso unbestreitbar unter den „Waldbrüdern“ stark vertreten war der antisemitische Stereotyp des „kommunistischen Juden“, unbestreitbar ist auch die Beteiligung von späteren Mitgliedern der „Waldbrüder“ am Holocaust.  So führt eine Neubewertung der Rolle der „Waldbrüder“ zu Zeiten der deutschen Besatzung und der erzwungenen Zugehörigkeit zur Sowjetunion auch zu einer Neubewertung der Frage nach Kollaboration und dem Mitmachen der Balten beim Holocaust.

Die Zusammenhänge sind komplex und kompliziert und die Balten scheinen in allen drei Staaten nun daran zu gehen, die Geschichte in all ihren Zusammenhängen aufzuarbeiten.