Die Schwarzhäupter Bruderschaft

Die Schwarzhäupter Bruderschaft

Ein Schwarzhäupterhaus wird so ziemlich jeder Baltikumreisende in Tallinn oder Riga einmal besichtigt haben, gehören diese Häuser doch zu den schönsten Bauten der lettischen beziehungsweise estnischen Hauptstadt. Auch bei BALTIKUMREISEN können Reisende bei den Stadtführungen durch die Altstädte von Riga und Tallinn die Schwarzhäupterhäuser besuchen. Anfragen dazu stellen Sie bitte hier: info(at)baltikumreisen.de.
Wer aber waren die Schwarzhäupter und welche geschichtliche Bedeutung hatten die Niederlassungen dieser Bruderschaft, um deren Versammlungshäuser es sich bei den Schwarzhäupterhäusern handelt?

Was sind Bruderschaften und welchen Zweck hatten sie

Das Bruderschaftswesen entstand im Spätmitttelalter, und war angelehnt an die Vorbilder der Ritterorden, in denen sich die Mitglieder mit „Bruder“ ansprachen. Die Organisationen der religiösen Laienbewegung bildeten sich oft zunächst als Gebetsvereine, wie beispielsweise die Rosenkranz-Brüderschaften, von denen etliche bis heute bestehen. Schnell wurde dieses Modell auch auf weltlich agierende Bruderschaften übertragen, die wiederum auch beruflich orientiert waren. Sie waren ein Zusammenschluss Gleichgesinnter oder Mitglieder eines Berufsstandes, die sich ähnlich unserem heutigen Genossenschaftswesen organisierten. Neben dem Füreinandereinstehen und der Hilfe bei der Arbeitssuche auch in fernen Hanseorten stand die Sozialarbeit im Mittelpunkt unter dem Gesichtspunkt der christlich motivierten Barmherzigkeit. Da war zuvorderst die Unterstützung von Hinterbliebenen der Bruderschaftsmitglieder und die Unterstützung von unverschuldet in Not geratenen Menschen außerhalb der Bruderschaft. Als bruderschaftlich verstanden sich auch die Mitglieder der Zünfte und Gilden, wie der Kaufmannsgilden, die durch den lukrativen Fernhandel in der hohen Zeit der Hanse zu Patriziergesellschaften wurden, mit Niederlassungen auch in fernen Handelsstätten. Diese Bruderschaften wiederum wurden zu Anlaufadressen gleichgesinnter Kaufleute aus fernen Orten. Dort wurden Kontakte hergestellt und Geschäfte angebahnt, aber auch Hilfe gewährt. So gelten die Bruderschaften der heutigen Geschichtswissenschaft im Zusammenhang mit der Hanse heute als zentrale Einrichtungen der Vergesellschaftung im Spätmittelalter. Vor allem in den typischen kleineren einstigen Hansestädten spielen die Brüderschaften bis heute im gesellschaftlichen Leben eine große Rolle. Mitglied in einer angesehenen Bruderschaft zu sein, gehört dort zum guten Ton. 

Gründung der Schwarzhäupter-Bruderschaft

Die Schwarzhäupter Bruderschaft

Es waren die lokalen St. Georgs-Bruderschaften, die im Ostseeraum im Spätmittelalter zu Keimzellen des Bruderschaftswesens wurden. Die Brüder waren unter dem Schutzpatron St. Georg agierende Kaufleute, die in den Hansestädten Fernhandel betrieben. Sie trafen sich ursprünglich in den Artushöfen der Hansestädte, wie zum Beispiel dem Danziger Artushof. Niederlassungen der St. Georgs-Bruderschaft existierten auch in Riga und Reval, dem heutigen Tallinn. Auch dort gab es Artushöfe. Im Jahr 1399 gründeten sich zeitgleich in Riga und Reval die Schwarzhäupterbruderschaften mit gleichen Satzungen, aber unterschiedlichen Namen. In Riga hieß die entstandene Bruderschaft „Compagnie der Schwarzen Häupter“ in Reval „Bruderschaft der Schwarzhäupter“. Die jeweiligen Artushöfe wurden nun zu Schwarzhäupterhäusern. Bald darauf entstanden weitere Schwarzhäupterbruderschaften in Narwa (Narva), Dorpat (Tartu), Wolmar (Valmiera) und Stralsund. Nicht belegt aber wahrscheinlich ist auch die Existenz von Schwarzhäupterbruderschaften in Nowgorod und Wismar. Die Rolle des Schutzpatrons der Bruderschaft nahm bald der Heilige Mauritius ein, der als Mohrenkopf dargestellt wird, und dessen Bildnis in das Wappen der Schwarzhäupter aufgenommen wurde.

Wesen der Schwarzhäupterbruderschaft

Die Schwarzhäupterbruderschaft war eine Vereinigung von auswärtigen Kaufmannsgesellen, die unverheiratet sein mussten. Geselliges nahm daher einen Großteil der Treffen ein. Hier bildeten sich Kontakte, die meist ein Leben lang hielten und trugen. Es bildete sich rasch ein festes Brauchtum von der Aufnahme bis hin zum Abschiedstrunk heraus. Mit der Heirat endete die Mitgliedschaft, die jungen Männer traten dann – sofern sie sich in Riga niederließen – der auch Mariengilde genannten Großen Gilde bei. Dazu mussten sie Bürger und meist auch Hausbesitzer sein. Die Mariengilde gab es in Riga seit 1354 und in Reval ab 1363. Im Spätmittelalter war fast die gesamte städtische Bürgerschaft bruderschaftlich organisiert – die Kaufleute in der Großen Gilde und die Handwerker in der auch Antonigilde genannten Kleinen Gilde und die unverheirateten Kaufleute in der Schwarzhäupterbruderschaft.

Prinzipiell waren diese Bruderschaften oder Gilden sehr ähnlich organisiert und sind es meist bis heute, selbst was die Bezeichnung der Positionen betrifft. Der präsidierende Ältermann leitet alle Versammlungen und repräsentiert die Bruderschaft nach außen. Er entstammt der Gruppe der Ältermänner. Sie sind langjährige Mitglieder und müssen obendrein oft um Ältermann zu werden etwas tun, wie das Stiftungsfest ausrichten. Die Ältermänner wachen über die Einhaltung der Satzung. Bei großen Bruderschaften mit vielen Ältermännern wird ein Führungsgremium mit vier oder fünf Ältermännern gebildet, die Entscheidungen tragen. Heute wird der präsidierende Ältermann entweder von den Ältermännern oder den Brüdern gewählt.

Die Schwarzhäupter in Riga

Die Schwarzhäupter Bruderschaft

Der Versammlungssaal der Rigaer Schwarzhäupter befand sich zunächst im Obergeschoss des damaligen Hauses der Großen Gilde und war dort ab 1447 gemietet. „Schwarzhäupterhaus“ wurde der Bau erst ab 1687 genannt, in den Besitz der Bruderschaft ging das Haus aber erst 1713 über. Für die jungen Kaufleute gab es dann auch großzügige Unterkünfte im Haus und ein Brautgemach für die Frischvermählten unter ihnen. Beides ist im wieder aufgebauten Schwarzhäupterhaus zu besichtigen. Bis zu 300 unverheiratete Kaufleute trafen sich dort regelmäßig zu Veranstaltungen und dem einen oder anderen Umtrunk. Legendär aber waren vor allem die Kulturveranstaltungen der Schwarzhäupter von Ritterspielen über Stadtfeste bis hin zu großen Bällen. Dabei wurde auch gesammelt und so erhielten vor allem die Kirchen häufig großzügige Spenden. Das brachte für die Brüder auch einen wachsenden Einfluss in der Stadt mit sich, obwohl sie gar nicht dort ansässig waren.

Mit dem Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes 1939 wurde der Großteil der Baltendeutschen zwangsausgesiedelt, die Schwarzhäupterbruderschaft wurde aufgelöst. Teile vor allem des Silberschatzes – jedes neue Mitglied musste bei der Aufnahme eine silberne Gerätschaft stiften - durften die Brüder mitnehmen. Im Jahr 1960 erfolgte die Neugründung als eingetragener Verein „Compagnie der Schwarzen Häupter aus Riga“ zunächst in Hamburg. 1980 zog der Verein nach Bremen um. Noch heute hält sie sich streng an die alten Statuten wie die Satzung der Compagnie von 1416 und bewahrt unter anderem Teile ihres legendären Silberschatzes, der im Bremer Ludwig Roselius Museum ausgestellt ist. Versammlungsort ist das Haus Schütting, das einstige Haus der Bremer Kaufmannsgilde am Bremer Marktplatz. Nicht weit davon steht der Roland, dessen Ebenbild vor dem Rigaer Schwarzhäupterhaus steht.

Die Schwarzhäupter in Tallinn (Reval)

Auch die Bruderschaft der Schwarzhäupter in Tallinn entstand 1399 und auch sie stand jungen, unverheirateten Kaufleuten offen, die nicht aus Reval kamen. Bürgerrechte und Hausbesitz konnten sie erst mit der Eheschließung erwerben und wurden dann Mitglieder der Großen Gilde der Rigaer Kaufleute. Seit dem Jahr 1517 hatte die Bruderschaft das Haus an der Langstraße 26 (Pikk tänav 26) angemietet und konnte es im 16. Jahrhundert kaufen. Den Bildersturm nach der Reformation überstand das Haus mit Schäden, doch den aus Lübeck 1495 gekommenen wertvollen Altar, der ein Seitenaltar des verbundenen Katharinenklosters war, konnte beizeiten gesichert werden und stand von da an im Schwarzhäupterhaus. Ein Saalbau mit einer großen Halle wurde angefügt und ab 1597 wurde das Haus im großen Stil umgebaut und erhielt seine Fassade im heute noch sichtbaren Stil der niederländischen Renaissance. Auch in Tallinn (Reval) bestand die Schwarzhäupterbruderschaft bis 1940. Dann mussten die Deutschbalten auch hier gemäß Hitler-Stalin-Pakt das Land verlassen.

Heute wird das Bruderschaftshaus von der Stadt Tallinn für die Durchführung von Kulturveranstaltungen genutzt. In Hamburg wurde die Gesellschaft als „Bruderschaft der Schwarzhäupter aus Reval e. V.“ neu gegründet. Die Bruderschaft hat heute auch wieder eine Niederlassung in Tallinn.