Die Kurische Nehrung

Den bisher wohl bekanntesten Werbeslogan für die Kurische Nehrung schrieb  Wilhelm von Humboldt bereits 1809: „Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie eigentlich ebenso gut als Spanien und Italien gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen sollte.“  Andere bewerben sie als „längsten Sandstrand Europas“ oder „litauische Sahara“.

Sagen gibt es viele um die Entstehung dieser einzigartigen Dünenlandschaft, tatsächlich aber ist diese Wüste ein klassisches Lehrstück darüber, was menschlicher Raubbau verursachen kann. Ursprünglich nämlich war die Nehrung von dichtem Wald überzogen. Doch schon der Deutsche Orden brauchte Holz und später im Siebenjährigen Krieg war es das Zarenreich, das Holz für sein Flottenbauprogramm benötigte. Massiv wurde Holz eingeschlagen, die Nehrung regelrecht entwaldet bis auf wenige Reste. Der Wald hatte den Boden vor dem dauernden Westwind geschützt. Die Bodenkrume brach auf, die Pflanzendecke wurde aufgerissen und vom Wind fortgerissen, der Boden fand keinen Halt mehr, der Wind begann den Sand zu Dünen aufzutürmen, die immer höher wurden. Nichts konnte den Sand bremsen, die Dünen wälzten sich über 15 Dörfer hinweg und begrub sie unter dem Sand. Erst Ende des 19. Jahrhunderts begann der Forstbeamte Wilhelm Franz Epha die Dünenwanderung durch systematische Bepflanzung zu stoppen.

Die Kurische Nehrung ist eine fast hundert Kilometer lange und zwischen 400 und 4000 Metern breite Landzunge. Sie führt vom Samland im Bogen nach Norden: rechts das Kurische Haff, in der Mitte ein bisschen Wald und viel Wüste, links die Ostseebrandung. Etwas südlich von Nida (Nidden) verläuft die Grenze quer über Nehrung, im Norden liegt der litauische Teil, im Süden der russische Abschnitt.

Kurische Nehrung

Vom litauischen Festland ist die Kurische Nehrung mit der Fähre von der Hafenstadt Klaipeda (Memel) aus zu erreichen. Zweitgrößter Ort auf der Nehrung ist Juodkrante (Schwarzort). Der beliebte Badeort ist deutlich ruhiger als Nida (Nidden), hierher kamen nicht so viele Ausflugsdampfer mit Tagesurlaubern. So blieb Juodkrante der beschauliche Badeort mit wunderbar restaurierten Holzvillen, Fischerhäusern und typischen Nehrungskaten. Bedeutend war Juodkrante früher als der Bernsteinhafen der Kurischen Nehrung. Dort wurde seit 1854 rund 75 Tonnen Bernstein aus dem Haff gebaggert. Sehenswert ist in Juodkrante der Raganu Kalnas (Hexenberg) mit seinem Skulpturenpark mit Figuren aus der litauischen Überlieferung.

Zentral und inmitten aller kulturellen und touristischen Aktivitäten wohnt der Reisende in Nida, das nur wenige Kilometer vor der russischen Grenze liegt. Auch die Individualreise „Kurische Nehrung“ von Baltikumreisen führt die Reisenden nach Nida, dem sorgfältig restaurierten Zentrum der Kurischen Nehrung. Durch den Hafen am Haff gibt es auch Möglichkeiten zu Schiffsausflügen auf dem Haff oder zu den Wasserlabyrinthen auf dem Festland. Besonders schön ist eine Abendfahrt mit dem Kurenkahn, dem traditionellen Segelschiff der Fischer von der Nehrung. Dann taucht die untergehende Sonne die Dünen in ein rosa Abendlicht. Bei der Rückkehr verwischen sich dann plötzlich alle Grenzen am Haff, wenn in der blauen Stunde Himmel und Wasser ineinander übergehen.

Muscheln im Sandstrand der Kurischen Nehrung

An der Ostseeküste gibt es fast immer einen recht gleichmäßigen Wind, der zu dem gleichmäßigen Brandungsrauschen führt. Nicht nur für Badelustige, auch für Kitesurfer sind die Strände der Nehrung ein wahres Dorado sowie für Liebhaber ausgedehnter Strandspaziergänge. Zuweilen sieht man hier auch schon am frühen Morgen Menschen in merkwürdig gebückter, den Blick zum Boden gewandter Haltung entlang gehen, wenn es zuvor starke auflandige Winde gab. Manche sind auch im Wasser und schwenken Kescher durchs Wasser. Es sind Bernsteinsucher, denn die Kurische Nehrung gehört zur Bernsteinküste. Zwar sind die Erfolgsaussichten nach Herbst- oder Frühjahrsstürmen mit auflandigem Wind größer, doch wer kann sich dem Spaß an der Schatzsuche schon entziehen? Wenn es aber dann doch nichts geworden ist, kann der Urlauber sich die schönsten Stücke im kleinen Bernsteinmuseum in Nida anschauen.

In Nida baute sich einst Thomas Mann von der finanziellen Dotation, die mit der Verleihung des Literaturnobelpreises verbunden war, sein Sommerhaus auf dem „Schwiegermutterberg“. Dort hat die Landschaft etwas südlich Heiteres und die Kiefern ähnelten Zypressen. Thomas Mann nannte es seinen „Italienblick“. Thomas Mann und die Seinen waren fasziniert von dem Rauschen der Ostsee, das fast überall auf der Nehrung zu hören ist. Heute ist das vollständig restaurierte Thomas-Mann-Haus Museum und Kulturzentrum. Nida zog seit Anfang des 20. Jahrhunderts auch viele Künstler an und wurde schnell zur „Sandakademie“ genannten Künstlerkolonie. Es begann im Hotel von Hermann Blode, in dem sich Königsberger Akademieprofessoren zur Sommerfrische einmieteten, bald folgten weitere Maler wie Ernst Bischoff-Culm, Max Pechstein, Karl Schmidt - Rottluff, Lovis Corinth oder Ernst Mollenhauer. Zahlreiche Fotos im kleinen Museum des Hotels “Nidos smiltė“ zeugen von dieser Zeit.

Für die Maler war es das besondere Licht der zuweilen dramatischen Himmel, die atemberaubend schnellen Lichtwechsel, wenn der Wind die Wolken über die Dünen jagte. Man muss es gesehen haben bei einer Dünenwanderung, wie Wolkengebirge über den Himmel eilen, den Sandboden sekündlich abwechselnd in Licht und Schatten tauchen. Was für ein Erlebnis an den Füßen zu spüren wie unterschiedlich der Sand dort oben ist: hart und mit klaren Abbruchkanten, verschwiegene weiche Mulden bildend, mal als betonhartes Waschbrettmuster. Und dann gibt es noch das spektakuläre Bild wenn der Wind den losen Sand zu Nebeln gleichen Schwaden über die Dünen weht und kein Betrachter mehr weiß, wo die Düne aufhört. Reisende erleben auf der Kurischen Nehrung Bilder, die sie nie mehr vergessen, Eindrücke, die der Seele einfach gut tun.