Berg der Kreuze – zwischen Symbolik und Wallfahrtsort

Vom litauischen Šiauliai (Schaulen) aus führt die Fernstraße A12/E77 nördlich in Richtung Riga. Nach rund 12 km geht rechts in östlicher Richtung die Landstraße 4033 nach Jurgaičiai ab, auf der man nach kurzer Fahrt den wohl bekanntesten litauischen Wallfahrtsort „Berg der Kreuze“ erreicht. Auf einer weithin sichtbaren Anhöhe sind dort auf einem gut zehn Meter hoch angelegten Hügel unzählige Kreuze aufgestellt. Auf einer hölzernen Treppe gelangen die Gläubigen auf den Hügel und können dort beten. Der Wallfahrtsort ist auch ein beliebtes Touristenziel. Auch innerhalb der geführten Gruppenreise „Große Kulturreise durch das Baltikum“ wird selbstverständlich ein Stopp am Berg der Kreuze eingelegt.

Entstehung und frühe Geschichte des Berges der Kreuze

Berg der Kreuze – zwischen Symbolik und Wallfahrtsort

Gleich zwei Legenden ranken sich um die Entstehung des Berges der Kreuze. In der ersten Legende wird von einem Fürsten aus Vilnius berichtet, der vor rund 300 Jahren gegen andere Fürsten Prozesse führte. Auf seiner Reise zum Gerichtsort Riga kam er an dem Berg vorbei und gelobte seinen Begleitern gegenüber, er werde an diesem Berg ein Kreuz aufstellen, wenn er vor Gericht Recht bekäme. Er gewann den Rechtsstreit und gleich auf dem Rückweg erfüllte er sein Gelübde und ließ am Berg ein Kreuz errichten. Bald erfuhr ganz Litauen von dem erfüllten Gelübde.

Die zweite Legende handelt von einem Vater mit einer schwerkranken Tochter. Als der Vater erschöpft am Krankenlager der Tochter einschlief, erschien ihm im Traum die „weiße Frau“, die ihm auferlegte, ein Kreuz auf dem Berg zu errichten. Das tat der Vater, der um das Leben seines Kindes bangte. Und schon bei der Rückkehr in sein Haus war seine Tochter auf wundersame Weise genesen.

Soweit die Legenden. Naheliegend ist für Historiker, dass der zum Teil künstlich angelegte Berg wohl bereits im Mittelalter vor der Christianisierung der Region eine Kult- und Opferstätte der baltischen Ureinwohner war. Der Berg wurde auch als Hügel für eine Burg verwendet, die den Namen Jurgaičiai trug, wie heute noch das nahe Dorf heißt. Burg und Kultstätte wurden 1348 von den Kreuzrittern zerstört. Immer wieder wurde der Berg als Gebetsstätte eingerichtet und genutzt und immer wurde er wieder zerstört. Als Litauen längst christlich war, wurde der Berg zum „litauischen Heiligtum“.

Die Bedeutung des Berges der Kreuze

Berg der Kreuze – zwischen Symbolik und Wallfahrtsort

Nachdem Litauen nach den drei Teilungen Polens dem russischen Reich zugeschlagen wurde, kam es im 19. Jahrhundert zu Aufständen der Litauer gegen die Herrschaft der russischen Zaren. Die Novemberaufstände 1830/31 und der Januaraufstand 1863/64 gegen das zaristische Regime wurden blutig niedergeschlagen. Es gab zahlreiche litauische Tote und auch zahlreiche Hinrichtungen von litauischen Aufständischen. Es gibt sogar Quellen, die berichten, dass auf dem Berg Aufständische hingerichtet wurden. Von den meisten litauischen Opfern haben die Familien nie erfahren, wo sie begraben wurden. Andere Familien bestatteten hier auch heimlich ihre während der Aufstände getöteten Angehörigen, hieß es. So begannen damals Angehörige und Bewohner der Umgebung, der litauischen Aufstandsopfer auf dem Hügel zu gedenken, indem sie auf dem Berg Kreuze aufstellten. Rasch wurde der Berg ein in ganz Litauen bekannter Gedenkort gegen die Unterdrückung.

Damit wurde der Berg der Kreuze auch zum landesweiten Symbol des Widerstands gegen die Unterdrückung durch die Sowjetunion. Immer wieder stellten Litauer hier Kreuze auf, um den Opfern zu gedenken. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs, als Litauen wieder Sowjetrepublik wurde, gedachte man am Berg der Kreuze auch der auf Geheiß Stalins in den asiatischen Teil der Sowjetunion verschleppten Litauer. Vor allem nach Stalins Tod 1953 erinnerte man hier immer wieder an die GULAG-Opfer. Doch immer wieder auch wurden die Kreuze von der Sowjetmacht zerstört und entfernt. Und immer wieder entstand der Gedenkort neu und jeweils größer als zuvor. Akten belegen die Zerstörungsaktion von 1961, als der ganze Kreuzhügel auf dem Berg abgerissen und mit schwerem Gerät planiert wurde, 2.179 Kreuze sollen vernichtet worden sein. So ging es weiter bis zur Unabhängigkeitserklärung Litauens am 11. März 1990, jedem Abriss folgte ein größerer Neuaufbau. Doch diesmal war es die letzte Zerstörungsaktion. Noch im selben Jahr standen schon 40.000 neue Kreuze auf dem Berg. Nach der Anerkennung der Unabhängigkeit durch die Sowjetunion am 6. September 1991 herrschte auch am Berg der Kreuze Frieden.

Die an den Kreuzen hängenden Gebetsketten und Kränze geben im Wind immer ein leises klapperndes Geräusch ab, das an ein fernes Glockengeläut erinnert. So herrscht heute eine mystisch angehauchte feierliche Ruhe über dem Berg der Kreuze. Er ist nun einer der wichtigsten nationalen Wallfahrtsorte Litauens. Und er ist mehr: Symbol des Widerstands, Wallfahrtsort und Touristenhighlight.

Der Besuch des Papstes

Wie man sagt, gibt es heute auf dem Berg der Kreuze rund 100.000 Kreuze. Eines davon stammt von Papst Johannes Paul II., der am 7. September 1993 den Wallfahrtsort besuchte und hier unter freiem Himmel eine Messe vor 100.000 Gläubigen las. Von Papst Johannes Paul II. bekam der Franziskanerorden den Auftrag, den Berg der Kreuze als katholischen Wallfahrtsort auszubauen, dauerhaft zu pflegen und deshalb ein Kloster zu bauen. Der Grundstein zum Klosterbau wurde Ende der 1990er Jahre gelegt, mit der Planung des Baus wurde der italienische Architekt Nunzio Rimmaudo betraut. Das zweistöckige Kloster erhielt die Form eines um einen Kreuzgang angeordneten litauischen Kreuzes und beinhaltet einen Gebetsraum sowie eine kleine Kapelle mit Blick auf den Berg der Kreuze. Das im Juli 2000 fertiggestellte Kloster dient nun 2 Brüdern und 14 Novizen als Wohnort. Eines der vielen Kreuze am Berg sticht besonders ins Auge. Das große Kreuz mit Christusfigur wurde 1993 vom Vatikan gestiftet. Heute ist der Berg der Kreuze ein heiliger Ort für die Katholiken aus aller Welt.