Bernstein an den Küsten des Baltikums

Nicht umsonst wird der Bernstein auch das „Gold der Ostsee“ genannt, hat der Bernsteinhandel doch eine Hansestadt wie Danzig reich gemacht. Doch mit Steinen wie den Edel- oder Halbedelsteinen hat Bernstein genauso wenig wie mit Metallen oder Edelmetallen wie dem Gold zu tun.

Bernstein ein Baumharz und kein Edelstein

Bernstein an den Küsten des Baltikums

Tatsächlich ist Bernstein ein erkaltetes fossiles Baumharz, das von einer der heutigen Konifere ähnlichen Kiefernart abgesondert wird, die im Ostseeraum weit verbreitet war. Dieser baltische Bernstein wird wissenschaftlich Succinit genannt. Auch andere fossile Harze können im Bernstein mit eingeschlossen sein und laufen dann ebenfalls unter der Sammelbezeichnung Succinit, der bei weitem häufigsten Bernsteinart im Ostseeraum.

Die Bezeichnung Bernstein geht auf das mittelniederdeutsche Wort „bernen“ zurück, das „brennen“ bezeichnet. Der Name bedeutet also ursprünglich „Brennstein“, denn Bernstein kann angezündet und verbrannt werden, wobei ein dem Weihrauch ähnelnder Geruch entsteht. Auch deshalb war der Bernstein eine begehrte Handelsware. Eine weitere Materialeigenschaft des Bernsteins führte zum griechischen Namen „Elektron“, denn Bernstein erkennt man leicht durch seine elektrostatische Aufladbarkeit. Reibt man Bernstein mit einem Wolltuch, zieht er kleine Papierschnipsel, vor allem Seidenpapierschnipsel wie magnetisch an. Die wissenschaftliche Bezeichnung „Succinit“ stammt aus dem Lateinischen, wo „succinum“ Saft bedeutet.

Bernstein kennt man hauptsächlich als glasklar bis matt und von gelber bis brauner Färbung. Doch ist die Farbpalette weitaus breiter, es gibt auch grünlichen, fast weißen oder fast schwarze Bernsteinbrocken. Für die Wissenschaft besonders interessant sind die in manchen Bernsteinbrocken vorhandenen Inklusen, also Pflanzenteile, Kleintiere und Insekten, die einen Blick in das urzeitliche Leben auf unserem Planeten gestatten.

Zur Geschichte: Alter des Bernsteins und Bernstein-Handelswege

Der älteste jemals gefundene Bernstein ist rund 310 Millionen Jahre alt und stammt damit aus dem Paläozoikum. Das bis heute an den südlichen Küsten der Ostsee gefundene fossile Harz Bernstein ist überwiegend zwischen 30 und 50 Millionen Jahre alt. Damals versanken im Norden Europas durch Klimaänderungen große Wälder im Meer.  Das Harz all dieser Bäume erkaltete im Laufe von vermutlich einer Million von Jahren und härtete zu seiner heutigen nicht kristallinen, also amorphen Struktur aus. Als das Meer diese Bernsteinwälder auch später immer wieder überflutete, spülte es große und kleine Brocken heraus und trug sie nach Süden mit fort bis an die heutigen Fundorte hauptsächlich an den einst zu Pommern und Ostpreußen gehörenden Küstengebieten. Auch zwei unserer Reisen vermitteln die Themenkreise Bernstein, Palmnicken und Bernsteinküsten besonders intensiv, die Individualreisen „Kurische Nehrung“ und „Königsberger Gebiet – Kaliningrader Oblast“.

Schon in der Urgeschichte der Besiedlung des Ostseeraums belegen Bernsteinfunde die künstlerische Verarbeitung des Materials. An der Ostsee stammen die ältesten Nachweise von künstlerisch bearbeitetem Bernstein aus dem Fund von Schwarzort (Juodkrante) auf der Kurischen Nehrung im heutigen Litauen. Dieser Bernsteinschatz kann im Museum des litauischen Ostseebads Palanga besichtigt werden.

Zahlreiche Funde in den Museen der Welt belegen überdies den Bernstein als Schmuck, Kunstwerk oder für Kultgefäße selbst in Ägyptens Hochkultur bereits vor 6.000 Jahren. Die Fundorte alter Bernsteinarbeiten fanden sich alle an den Routen und Endpunkten der einstigen großen Bernstein-Handelsstraßen. Das Gold der Ostsee wurde auf diesen Handelswegen selbst zu weit entfernten Märkten transportiert. Es gab regelrechte Bernsteinstraßen, die wie die Seiden- und Salzstraßen zu den frühen Handelswegen quer durch Europa bis zum Ende der damals bekannten Welt führten. So führte eine der Routen von der Region um das spätere St. Petersburg durchs Baltikum über die Kurische Nehrung, durchs Samland an den Ufern des Frischen Haffs entlang nach Danzig und weiter nach Süden bis nach Venedig.

Daher finden sich vielerorts in Europa Schmuckstücke sowie genauso Gebrauchsgegenstände aus Bernstein aus vergangenen Jahrtausenden. Da gab es große repräsentative Schatullen, kleine Döschen für die Dame von Welt oder für Reeder ein Modell der eigenen Segelschiffe aus Bernstein. Dem Einfallsreichtum war bei dem gut zu verarbeitenden Bernstein kaum Grenzen gesetzt.

Die Kirche war schon früh einer der Großabnehmer von Bernstein, denn für die Produktion von Rosenkränzen wurden große Bernsteinmengen gebraucht. Bei dieser Bearbeitung der Bernsteinklumpen fiel jede Menge Bernsteinpulver an, das über viele Jahrhunderte zusammen mit Weihrauch und Myrrhe in den Kirchen angezündet wurde, ohnehin eignet sich für die Herstellung hochwertigen Schmucks nur ein kleinerer Teil des Bernsteins. Das Gros wird unter Druck und Hitze zu Platten und Rohren verarbeitet und als Pressbernstein verwendet. Dieser Pressbernstein ist etwas härter und in der Färbung einheitlicher. Er eignet sich hervorragend für die Herstellung von Gebrauchsgegenständen wie Brieföffnern, Briefbeschwerern, Deckeln für Zigarettenetuis oder Zigarettenspitzen.

Bernsteingewinnung durch „Bernsteinfischen“

Bernstein an den Küsten des Baltikums

Bis heute wird dort vor allem dann, wenn nach längerem starken Nordwind die Windrichtung auf Süd dreht, Bernstein angeschwemmt. Dann sieht man sie, die Menschen, die mit einer Art Kescher in Watstiefeln durchs fast hüfthohe Wasser gehen und Bernstein fischen. Da Bernstein weitaus leichter ist als „echtes“ Gestein, schwimmt er im Wasser mit, bis er von der Brandung an den Strand gespült wird, wo er dann auch von Spaziergängern gefunden werden kann. Doch werden auf diese Art meist höchstens faustgroße und kleinere Bernsteinbrocken gefunden. Das „Bernsteinfischen“ an den Stränden in Pommern, der Danziger Bucht, an der Halbinsel Hela (Hel), den Stränden der Frischen und Kurischen Nehrung sowie des Samlands kann aber allenfalls ortsansässige Bernsteinschleifer mit Rohmaterial versorgen.

Der Bernsteinabbau bei Palmnicken (Jantarny) im Königsberger Gebiet

Eine Besonderheit ist die nur wenige Meter unter der Erdoberfläche zu findende Schicht der „Blauen Erde“ an der Samlandküste im heute russischen Königsberger Gebiet. Von dort kommen mit über 700-800 Tonnen gut 94% des jährlich weltweit im Handel befindlichen Bernsteins, der zur Schmuckverarbeitung tauglich ist. Diese Bernsteinschicht wird im rund 50 km westlich von Königsberg (Kaliningrad) an der Samlandküste gelegenen Palmnicken (Jantarny) mit riesigen Baggern im Tagebaubetrieb abgebaut. Auf der Steilküste oberhalb des Tagebaus kann man die imposanten Bagger, den zerfurchten blau schimmernden Boden und die vielen in gelbem Ölzeug gekleideten lizensierten Bernsteinfischer beobachten, die restliche Bernsteinklumpen aus dem Abwasser der Spülaggregate fischen, bevor das Wasser wieder der Ostsee zugeführt wird.

Schon im Jahr 1872 hatte die Firma Stephan und Becker in Palmnicken die erste Bernsteinmine eröffnet, um den Bernstein abzubauen, der an dieser Stelle maximal 40-50m tief in der blauen Erde liegt. Bereits 1913 kam der erste Riesenbagger zu Einsatz, damals eine Sensation in einer fortschrittsgläubigen Zeit mit einer großen Faszination für spektakuläre Technik. Heute heißt der Betrieb „Russky Jantar“ und gewinnt aus rund anderthalb bewegten Tonnen der blauen Erde durchschnittlich zwei Kilogramm Bernstein.

Aus Jantarny stammt auch der Bernstein, den russische Spezialisten 1979-2003 zur detailgetreuen Reproduktion des weltberühmten Bernsteinzimmers im Katharinenpalast bei Puschkin verwendet haben.

Das Massaker von Palmnicken

Doch Palmnicken und das Tagebauwerk sind nicht nur für seinen Bernstein bekannt, sondern auch für das letzte und eines der entsetzlichsten Massaker des Holocausts, das der größte Judenmord auf dem Boden des Deutschen Reichs war. Es fand Ende Januar 1945, als die Rote Armee schon weit auf ostpreußischem Boden stand, am Strand von Palmnicken statt.

In Ostpreußen gab es bis auf das der Gestapo Königsberg unterstehende KZ Hohenbruch im Kreis Elchniederung keine Konzentrationslager. Doch gehörte es zum östlich von Danzig am Beginn der Frischen Nehrung liegenden KZ Stutthof (Sztutowo), das nach der Auflösung der auf polnischem Boden liegenden deutschen Vernichtungslagern aus allen Nähten platzte und mit Häftlingen überfüllt war, seit dem ganze Transporte mit jüdischen Ungarinnen direkt nach Stutthof geleitet wurden. Man brauchte Platz als Unterkunft für die vielen durchziehenden ostpreußischen Flüchtlinge. So wurde neben dem großen Todesmarsch mit Zehntausenden Häftlingen, der Richtung Kaschubei ging, Mitte Januar 1945 auch eine Gruppe von Tausenden Frauen Richtung Königsberg getrieben, die dort vermutlich zum Ausbau der „Festung Königsberg“ eingesetzt werden sollten. Sie waren in der üblichen leichten Häftlingskleidung und auf Holzpantinen im ostpreußischen Winter mit bis zu 20 Grad Kälte und schweren Schneestürmen unterwegs. In Königsberg wurden sie in einer Fabrik nahe dem Nordbahnhof interniert und am 26. Januar 1945 weiter Richtung Palmnicken getrieben – eine Blutspur von erschossenen und erschlagenen Häftlingen, die nicht mehr weiterkonnten, markierte den Leidensweg, Tausende starben, viele erfroren. Etwa 5.000-7.500 Häftlinge kamen in Palmnicken an, meist jüngere jüdische Frauen.

Der Plan sah vor, die dorthin getriebenen Häftlinge in der stillgelegten Grube Anna bei lebendigem Leib einzumauern. Die Weigerung von Werksdirektor Landmann brachte nur eine kurze Atempause für die Häftlinge, denn Ortsbürgermeister Friederichs, der inzwischen im Dorf Jagd auf entflohene Häftlinge machte, kommandierte ein gutes Dutzend Hitlerjungen herbei und schickte sie mit drei SS-Männern zur Grube Anna wo diese die rund 40 der wieder eingefangenen geflohenen Jüdinnen erschossen, unter tätiger Mithilfe der Hitlerjugend.

In der Nacht vom 31.1. zum 1.2.1945 brachte die herbeigerufene SS die rund dreitausend Häftlinge von der Steilküste an den Strand hinunter, wo sie die Gruppen mit Maschinengewehrfeuer in die Ostsee trieb. Wer nicht sofort tödlich getroffen war, geriet unter die Eisschollen, ertrank oder starb an Unterkühlung. Tagelang stapelten sich Leichen am Strand und noch über Wochen wurden Leichen über Leichen angespült. Nur wenige Jüdinnen konnten sich retten, es gab nur 30 Überlebende.

Heute erinnert ein Gedenkstein an dieses letzte große Massaker der Nazis.