Baltische Hauptstädte

Europäische Metropolen betonen gern ihre Eigenheiten, die sie unverwechselbar und für Einwohner und Besucher so interessant machen. Das gilt auch für die drei baltischen Hauptstädte Tallinn, Riga und Vilnius, deren geschichtliche Nähe in vielen Gemeinsamkeiten manifest wird.

Was alle drei Baltenmetropolen prägte, war die multiethnische, vielsprachige Vergangenheit. Zu Zeiten der Zugehörigkeit zum Zarenreich und später zur Sowjetunion lebte man gerne in Tallinn, Riga oder Vilnius, denn alle drei Städte galten als „Fenster zum Westen“, in denen ein Hauch von westlichem Flair das Leben durch eine gute Versorgungslage angenehm machte.

Ob Tallinn, Riga oder Vilnius: Alle drei haben Stadtzentren, die kulturhistorisch so bedeutend sind, dass sie auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes verzeichnet sind. Auch waren sie alle drei bereits „Europäische Kulturhauptstadt“.

Doch nicht nur die Vergangenheit mit den vielen historischen Gemeinsamkeiten verbindet die drei Städte und Länder. Zusammen starteten die Menschen aller drei Länder Estland, Lettland und Litauen in gemeinsamen Lichterketten und Ketten singender Menschen durch das ganze Baltikum die „singende Revolution“. Es war der Weg in die Freiheit und die staatliche Unabhängigkeit von der großen Sowjetunion.

Doch haben die drei Metropolen nicht nur ausgesprochen schöne mittelalterliche und jugendstilgeprägte Stadtkerne – sie sind alle zugleich quicklebendige moderne Metropolen. Den Sprung in die Zukunft haben sie gemeistert und dabei – so scheint es zuweilen – die Gegenwart einfach übersprungen. Das macht ihren besonderen Charme aus, diese fast lässige Kombination Jahrhunderte alter Kulturmetropolen mit ihren architektonischen Highlights, denen heute Perlen der Postmoderne zugefügt werden. Gelebt und gearbeitet wird ganz selbstverständlich mit Stolz auf die alten Traditionen und hochmodern. In den Baltenmetropolen gibt es Mobilfunk- und Smartphonedichten wie nirgends sonst, die Zeit der Festanschlüsse hat man einfach übersprungen. Nirgends ist die Dichte kostenloser WLAN-Hotspots dichter und es entstehen neue kleine Manhattans an Ostsee, Daugava und Neris. Längst hat quicklebendiges urbanes Leben Einzug gehalten. Die drei baltischen Metropolen Tallinn, Riga und Vilnius sind daher unbedingt eine Reise wert. Die Individualreise „Baltische Hauptstädte“ zeigt sie in allen ihren spannenden Facetten.

Kommen Sie also mit und entdecken Sie Tallinn, Riga und Vilnius auch über die klassischen Sehenswürdigkeiten hinaus!

Tallinn – Mittelalter und moderner Funktionalismus

Rigaer Börse - heute ein Kunstmuseum

Ein Spaziergang durch Tallinns Altstadt und der Besucher wird zum Tallinn-Fan. Es ist diese pulsierende, prickelnde Mischung von mittelalterlichen Bauten, die hier so nichts von mittelalterlicher Enge haben und die Weltoffenheit des pulsierenden urbanen Lebens des 21. Jahrhunderts.
Noch unter dem alten Namen Reval war Tallinn ein reiches und bedeutendes Hansemitglied und damals wie heute das Bindeglied zu den Märkten Russlands. Mächtige Stadtmauern mit bulligen Wehrtürmen schützten die Altstadt in denen das Leben schon im 13. Jahrhundert von den wohlhabenden Kaufleuten in den großen Handelskontoren mit ihren Speichern, den Patrizierhäusern, sowie in den Gildehäusern geprägt wurde. Mittelpunkt ist der Rathausplatz mit dem prächtigen gotischen Rathaus. Auch der Bedeutung der Stadt entsprechend große Kirchen und natürlich einige Klöster gehörten zum Bauensemble.

Die weltliche Macht konzentrierte sich nicht nur im alten Reval auf dem Domberg, einem Hochplateau knapp 50 m über der Unterstadt. Dort steht das Schloss, das über die Jahrhunderte immer wieder umgebaut wurde und heute Parlamentssitz ist. Der Lange Hermann, ein 46 m hoher Turm am Schloss war schon immer ein wichtiges Symbol, denn nur derjenige hatte die Macht in Estland, dessen Flagge hier wehte. Nicht weit ist es von hier zu den repräsentativen Palästen der Deutschbalten und zur orthodoxen Alexander-Newski-Kathedrale. Kleine Cafés und Läden in verwinkelten Gassen, viel Künstlerisches und Kunstgewerbe wie in der Katharinenpassage und an den Stadtmauern halten die Altstadt lebendig. Zudem hat der Besucher von dort oben einen wunderbaren Blick über Tallinn.

Das westlich der Altstadt gelegene Viertel Kadriorg bring die Moderne wie einen Kontrapunkt ins Bild mit dem Kunstmuseum KUMU, das 2006 eröffnet wurde und nicht nur ein Kunstmuseum, sondern auch selbst eine Perle moderner Architektur ist. Südlich von Kadriorg liegt das moderne Zentrum der Stadt, in dem historischer Baubestand mit moderner Architektur eine Symbiose eingeht und beweist, dass Moderne und Historie sich sehr wohl vertragen, vorausgesetzt, es handelt sich in beiden Fällen um gute Architektur. Urbane Lebensqualität und Traditionsgebundenheit ergänzen sich harmonisch in Estlands beeindruckender Hauptstadt zwischen Hanse und Hightech.

Riga – Paris des Ostens und moderne Metropole

Blick über Tallinn und den Fährhafen

Das an den Ufern der Daugava (Düna) gelegene Riga ist die Hauptstadt Lettlands und gilt gemeinhin als die schönste Stadt des Baltikums, die größte der Baltenmetropolen ist Riga mit seinen knapp 750.000 Einwohnern ohnehin.

Da ist einmal die Altstadt mit prächtigen Bürgerhäusern und engen mittelalterlichen Gassen sowie den charakteristischen Backsteinbauten jeder Hansestadt. Und die Hansezeit war unübersehbar die erste große Blüte der 1201 vom Deutschen Orden gegründeten Stadt an der mächtigen, ab 1330 erbauten Ordensburg an der Düna, die heute mehreren Museen als Quartier dient. Wahrzeichen und schönster Aussichtspunkt Rigas ist der 72 m hohe Turm der Domkirche St. Petri, die erstmals 1209 erwähnt wurde. Weitere bedeutende Kirchen finden sich in der Altstadt wie die Georgskirche von 1225, die heute das Kunstgewerbemuseum beherbergt und die 1297 erstmals beurkundete Johanniskirche. Das südwestlich sich der Altstadt anschließende Speicherviertel wurde von vorwiegend deutschen Kaufleuten erbaut. Dort sind so schöne Bauwerke wie das 1684 bis 1688 erbaute barocke Reuternhaus zu sehen, bis zur einzig erhaltenen Synagoge ist es ebenfalls nicht weit.

An der Daugava steht mit der Freiheitsstatue das Symbol lettischer Identität. Nahe der Daugava erreicht der Besucher den Platz der Lettischen Schützen und den alten Rigaer Rathausplatz, den das Schwarzhäupterhaus als Highlight unter Rigas Sehenswürdigkeiten ziert. Es diente einst der Gilde unverheirateter Kaufleute als Versammlungsort. Der weithin sichtbare Marien-Dom wurde im Auftrag von Bischof Albert ab 1211 erbaut und dominiert diesen Teil der Altstadt. Auch die am Livenplatz befindlichen Gildehäuser sollte man nicht verpassen.

Rigas Neustadt aber ist eine kulturhistorische Perle ganz anderer Art und entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jenseits der alten Wallanlagen, als die Stadt begann, aus allen Nähten zu platzen. Die Neustadt wurde von den neu entstandenen Parks und Grünanlagen am Stadtkanal und der Altstadt durch die Freiheitsstraße getrennt. In der Neustadt sind wie kaum in einer anderen europäischen Stadt in dieser Geschlossenheit ganze Straßenzüge von Bauten mit prächtigen Jugendstilfassaden bestanden.  Dieser letzten große Prachtentfaltung europäischer Architektur sollte jeder Riga-Besucher einen Spaziergang widmen.

So ist Riga, das wegen der Neustadt auch Paris des Ostens genannt wird, eine Stadt, in der sich die Jahrhunderte zu einem harmonischen Ganzen der ganz besonderen Art vereinen. Das macht den ganz eigenen Reiz dieser quicklebendigen Metropole aus.

Vilnius – Moderne City und Jerusalem des Ostens

Vilnius mit seinen rund 600.000 Einwohnern ist heute die prächtig restaurierte Hauptstadt Litauens und hat eine wahrlich bewegte Geschichte. Die so schön zwischen grünen Hügeln an der Wilia gelegene Stadt wechselte dreizehn mal den Besitzer, sie lag immer im Schnittpunkt der Begehrlichkeiten und war doch immer eine Stadt der vielen Kulturen und Sprachen, die hier friedlich zusammen lebten. So nimmt es auch nicht weiter Wunder, dass Vilnius eine Stadt der vielen Namen war. Alten Chroniken zufolge hieß die 1323 gegründete Stadt zunächst Vilnia, die Polen nannten es später Wilno, die Deutschen Wilna, die Litauer Vilnius und die Juden Vilne. Napoleon nannte sie 1812 Jerusalem des Ostens. In Vilnius fanden Juden Freiheiten wie sonst kaum irgendwo, hierhin flohen viele verfolgte Juden aus Mitteleuropa und Russland. Um das Jahr 1900 lebten in Wilnius etwa 40% Juden, 30% Polen, 20% Russen und nur 2% Litauer.

Das Grossfürstentum Litauen war ein multiethnischer Staat. Schon Gediminas hatte Handwerker und Kaufleute aus ganz Europa nach Vilnius eingeladen, wobei er allen Religionen freie Glaubensausübung zusicherte. Großfürst Vytautas holte im 15. Jahrhundert Tataren und Karaimen, und auch Weissrussen und Ukrainer siedelten bald in Vilnius.
Mit der polnisch-litauischen Vereinigung von 1387 wurde Vilnius zum Zentrum polnischer Kultur, der litauische Hochadel und die Intelligenz wurden polonisiert. Mit der 1579 neu gegründeten Universität zog die Stadt Gelehrte, Künstler und Literaten vieler Nationen an.

Sie alle hinterließen bauliche Spuren in der Stadt: Deutsche Baumeister brachten die Backsteingotik, Barockkünstler aus Süddeutschland, dem Habsburgerreich und Italien gestalteten Kirchen und Türme italienisch anmutend um und schufen mit einheimischen Meistern zusammen den einmaligen Vilniusser Barock, sowie mit dem Alten Rathaus und der Weissen Kathedrale Perlen des Klassizismus. Vierzig Kirchen gab es in Vilnius sowie 105 Gebetshäuser und Synagogen verschiedenster Strömungen des Judentums.

Einst füllten pralles Leben und jiddische Laute die engen Gassen in den jüdischen Altstadtvierteln. Das alles ging im Holocaust unter. Doch herrscht wieder quirliges Leben in der Altstadt und man versucht vom jüdischen Vilnius so viel wie möglich zu bewahren. Es ist wieder Leben in der Altstadt von Vilnius, aber es ist ein anderes, neues Leben, das in steinernen Zeugen noch ein Bild des alten Vilnius reflektiert. Die Gegenwart in dieser Stadt ist faszinierend genug und in keiner der Baltenmetropolen ist die Stilvielfalt so groß wie in Vilnius.

Vom Europa im Kleinen und dem Jerusalem des Nordens hin zur Kulturhauptstadt Europas ist es eigentlich ein logischer Weg. Der Name Jerusalem des Ostens motiviert, die Kulturszene von Vilnius die Spuren des jüdischen Lebens lebendig zu erhalten und den einstigen Bewohnern so ein Denkmal zu setzen. So ist Vilnius für Besucher mit all seinen so verschiedenen Facetten ein überaus spannendes und lebendiges Ziel.